2016-06-09

Das verletzte innere Kind

Im Moment ist viel in Bewegung. Ich bewege mich zwischen Licht und Schatten meines Ichs. Vor ca. 4 1/2 Jahren erfuhr ich von Hochsensibilität. Seitdem habe ich mich damit identifiziert und mich intensiv damit auseinander gesetzt.
Doch auch wenn ich mich in vielen Schilderungen und Beschreibungen wiederfand, so half diese Erkenntnis nicht über meinen tiefen inneren Schmerz hinweg, der irgendwo in mir schlummerte aber tief begraben und gut versteckt lag. Antriebslosigkeit und Depressionen sowie ein tiefer Kummer kamen immer wieder an die Oberfläche.
Dann traten ein paar liebe Menschen in mein Leben. Sie meinten es gut mit mir. Alle hatten die gleiche Botschaft. Sei du selbst. Liebe dich so wie du bist. Du bist liebenswert. Ich hörte diese Worte immer wieder. In unterschiedlichster Form. Aber ich konnte sie nicht verinnerlichen. Ich konnte sie nicht fühlen!

Das innere Kind war verwirrt. Wer war ich früher? Wer bin ich heute? Warum bin ich so wie ich bin? Das einzige, was in mir gespeichert war und sich immer wieder bemerkbar machte war Ablehnung: "So wie ich bin, bin ich nicht in Ordnung." Wer hatte denn nun recht?

Dann erfuhr ich von John Bradshaw - Das Kind in uns und wie sich ein destruktiver Umgang im Kindesalter auf das spätere Leben auswirkt. Dass im Prinzip alle Familien bis zu einem gewissen Grade problembehaftet oder sogar traumatisiert sind oft über Generationen hinweg und dass es zumeist heruntergespielt, verleugnet oder totgeschwiegen wird.

Alles baut aufeinander auf. Ich habe immer wieder in meinen Posts erwähnt, wie wichtig der liebevolle, hingebungsvolle Kontakt zu Kindern ist. Dies gilt v.a. für die ersten Lebensjahre. Kinder müssen das Gefühl haben, erwünscht zu sein. Sie sind gerade im frühen Kindsalter total abhängig von ihren Bezugspersonen. Bekommen sie nicht die Aufmerksamkeit, die sie brauchen, werden sie auf verschiedene Weise auffällig. Alles ein Ausruf der Verzweiflung aber statt gehört zu werden, werden sie zum schweigen gebracht, wird ihnen eingetrichtert, dass etwas mit ihnen nicht stimmt, sie nicht normal sind und sie verändert werden müssen. Dies geschieht dann über einen so langen Zeitraum bis das Kind schließlich selbst glaubt, es sei nicht in Ordnung so wie es ist und es den Kontakt zu sich selbst verloren hat.

Warum sind so viele Eltern überfordert? Eine gute Mutter oder ein guter Vater zu sein ist einer der schwierigsten Aufgaben im Leben. Keine Frage. Wahrscheinlich die Schwierigste. Sowie einer der Langwierigsten. Es dauert viele Jahre bis ein Mensch selbständig ist. Manche erreichen dieses Stadium nie. Sie sind erwachsene Kinder. Sie sind abhängig. Finanziell und/oder emotional. Diese Kinder bekommen auch wieder Kinder und so wird die Grundproblematik immer weiter fortgesetzt, es sei denn, jemand durchbricht diesen Kreis und möchte sich weiterentwickeln.

Fast jeder Mensch hat Defizite im Erwachsenenalter, die er mit verschiedensten Lebensstilen oder Suchtmitteln zu kompensieren versucht. Menschen vollziehen Ortswechsel in der Hoffnung es bringt auch innerliche Veränderung. Doch das ist nur eine Ablenkung. Das Problem bleibt bestehen, wenn man sich nicht dem Kern des Unbehagens widmet.

Nun werden einige sagen: "Ach, das ist Schnee von gestern. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern." Nein, das Gehirn hat es vielleicht ausgeblendet, aber die Zellen haben es irgendwo gespeichert und genau die sind es, die alle möglichen Emotionen sowie körperliche Symptome hervorrufen.

Ich weiß, wovon ich spreche. Ich habe eine lange Zeit in meinem Leben total dicht gemacht. Alles spielte sich nur noch im Kopf ab. Ich habe dabei das Muster meiner Eltern übernommen. Automatisch. Natürlich ungewollt. Hier kann ich sagen: Mein Glück ist meine Hochsensibilität! Denn der Teil in meinem Gehirn, der für die Gefühle verantwortlich ist, meldet sich doch immer wieder heftigst zu Wort. Doch meine Reaktion war immer dieselbe. Für dich ist hier kein Platz! So bekam das Gefühl sobald es auch nur einen winzigen Ansatz machte an die Oberfläche zu kommen, gleich wieder einen Dämpfer. Reine Selbstfolter? Stimmt. Aber einen anderen Umgang hatte ich nicht gelernt.

Ich habe schon länger darüber nachgedacht, ob meine Hochsensibilität nicht durch eine schwierige Kindheit entstanden ist. So viel passiert als junger Mensch in der Gehirnentwicklung und diese hängt maßgeblich von den Erfahrungen ab, die wir machen. Siehe hierzu auch Stress in Early Childhood unter Toxic Stress (auf englisch).

Doch die eigentliche Frage ist doch, wie ich das schlechte Gefühl über mich selbst und auch gegenüber anderen Menschen, in ein gutes Gefühl umkehren kann. Wie lerne ich mich selbst zu akzeptieren, damit ich andere Menschen so akzeptieren kann, wie sie sind? Die Veränderung muss immer bei einem selbst passieren. Verändert man etwas an seinem Selbstbild, verändert sich auch etwas am Gesamtbild und an den Beziehungen, die wir im Leben führen.

Eine so simple Frage wie: Wie bin ich gut zu mir? Die erlauben wir uns oft gar nicht, weil wir, als verletzte Kinder, gelernt haben, dass unsere Bedürfnisse nicht wichtig sind bzw. eine untergeordnete Rolle spielen. Wir wissen nur, wie wir gut zu anderen sind, weil wir gelernt haben zu dienen. Unseren Eltern zu dienen, damit sie zufrieden mit uns sind. Damit sie uns endlich akzeptieren oder zumindest wahrnehmen!

Ich erlaube mir Trauer zu empfinden. Schmerz. Wut. Ich erlaube mir ich zu sein. Meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen, egal ob sie trauriger, wütender oder fröhlicher Natur sind. Ich erlaube mir, mich selbst zu entdecken. Mich gern zu haben für das, was ich bin. Das Kind zu sein, das ich nie sein durfte. Einfach ich zu sein und die Welt um mich herum neu zu entdecken.

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