Das Experiment

Anders und oft missverstanden - Wer bist du?

Jeder Mensch ist individuell. Die Menschen handeln in derselben Situation unterschiedlich. Das ist das, was wir sehen. Doch warum ist das so? Wieso handeln oder reagieren die Menschen unterschiedlich? Weil sie einfach verschieden sind? Weil sie das Leben geprägt hat? Vielleicht. Doch manchmal steckt auch mehr dahinter. Da gibt es noch die sogen. Querdenker. Die, die von der Norm abweichen. Es gibt Leute, die alles und jeden hinterfragen. Sie geben sich nicht mit dem „Standard“ zufrieden. Sie möchten etwas tiefer ergründen und nicht nur an der Oberfläche kratzen, weil sie spüren, dass da mehr ist. Wir alle kennen das. Je intensiver man sich mit einem Thema auseinandersetzt, desto mehr erschließt sich uns und wir verändern vielleicht sogar unsere Sichtweise auf bestimmte Dinge. Ab einem gewissen Punkt muss man sich seinen Mitmenschen erklären und stößt womöglich auf viel Widerstand. Die anderen können oder wollen nicht nachvollziehen, warum man so oder so denkt, handelt oder reagiert. Jedes Handeln hat aber eine Ursache. Diese ist manchmal schwer zu ergründen. Häufig ist es uns einfach zu kompliziert, sich mit der Andersartigkeit anderer Menschen zu befassen. Wir fühlen uns dann überfordert und stufen das Verhalten des anderen auch schnell als absonderlich ein oder ziehen andere vorschnelle Schlüsse. Das kann einen Querdenker mitunter sehr einsam machen oder gar zur Verzweiflung treiben. Was aber, wenn du dich nun täglich für dein anders sein rechtfertigen musst und mit dir und deinem Umfeld haderst?

Ich möchte, dass du dich auf ein Experiment einlässt.

Versetze dich bitte einmal in die folgende Lage:

Wie würdest du dich fühlen, wenn du merkst, dass dich bereits normale Dinge im Alltag extrem aus der Bahn werfen können, die andere überhaupt nicht oder kaum registrieren? (z.B. ein vorbeifahrender Krankenwagen mit Blaulicht oder ein Wort, das du von jmd. aufgeschnappt hast und dich noch Stunden beschäftigt oder ein Geruch, der nicht aus der Nase will)

Absonderlich?

Wie würdest du dich fühlen, wenn Stimmungen anderer Menschen dich extrem beeinflussen und deine Laune davon abhängt?

Irritiert?

Wie würdest du dich fühlen, wenn du permanent deine Grenzen überschreitest und dadurch ständig überreizt wärst?

Vielleicht müde oder abgeschlagen?

Wie würdest du dich fühlen, wenn du merkst, dass deine Grenzen viel früher erreicht sind, als bei anderen Menschen und das bei deinen Mitmenschen auf Unverständnis stößt?

Hast du das Gefühl etwas stimmt nicht mit dir?

Wie würdest du dich fühlen, wenn dich deine Mitmenschen ständig kritisieren und meinen, dass du maßlos übertreibst, zu empfindlich reagierst oder dir Dinge einbildest?

Dein Selbstvertrauen würde darunter leiden. Du würdest anfangen an dir selbst zu zweifeln, weil du permanent das Signal deiner Mitmenschen empfängst, dass dein Verhalten absonderlich ist.

Wie würdest du dich fühlen, wenn du dich immer wieder unverstanden oder missverstanden fühlst?

Wie würdest du dich fühlen, wenn du jemand sein sollst, der du nicht bist?!

Wie würdest du dich fühlen, wenn du so etwas ständig – tagtäglich – erlebst?!

Schrecklich oder?



Und dort hört es nicht auf. Infolge des mangelnden Verständnisses deiner Mitmenschen dir gegenüber, versuchst du dich anzupassen. So zu sein wie die anderen. Doch egal wie sehr du dich bemühst, egal wie sehr du versuchst es den anderen recht zu machen - weil du dich mittlerweile selbst als absonderlich siehst - du erntest nicht die eigentlich wohlverdienten Früchte deiner Bemühungen!

Warum nicht?

Weil dein Verhalten nicht authentisch ist. Weil du versuchst jemand zu sein, der du nicht bist und deine Mitmenschen das (unbewusst) merken. Du bist unglaubwürdig, weil du unsicher bist! Denn du richtest dich ja nach deinen Mitmenschen und dabei brauchst du die Unterstützung deines Umfeldes. Wenn sie dich jetzt nicht mit ihrer Aufmerksamkeit belohnen, war alles umsonst. Es ist ein betteln nach Beachtung. „Guckt mich an! Ich tue doch alles, was ihr von mir verlangt. Warum akzeptiert ihr mich immer noch nicht?“

Das ist zermürbend. Introvertiertheit oder Isolation zum Eigenschutz ist eine mögliche Langzeitstrategie. Wenn du ein impulsiver Charakter bist, kann es auch sein, dass du dich gegen die ungerecht empfundene Behandlung deiner Mitmenschen verteidigen möchtest und rebellisch wirst. Welchen Schutzmechanismus du dir auch angewöhnst, deine Lebensqualität lässt meist zu wünschen übrig. Das kann einen krank machen. Depression oder gar Selbstmordgedanken können die Folge sein. Was also tun? Wie diesen Teufelskreis durchbrechen?

Jetzt die gute Nachricht: Es gibt eine Lösung. Toll oder?

Es gibt einen Grund für dein Empfinden und dein daraus resultierendes Verhalten. Du bist nicht verrückt, nicht widerspenstig oder nicht anpassungswillig, sondern du bist einfach anders – und das ist wichtig – du bist definitiv nicht krank!

Das Kind hat endlich einen Namen. Du bist hochsensibel.


Hier endet das Experiment. Ich hoffe, ich konnte einen kleinen Eindruck vermitteln, wie man sich als hochsensibler Mensch fühlen kann, wenn man in einem für sich ungünstigen Umfeld lebt und sich nicht entfalten kann. Dies ist nämlich nicht so einfach einem normal Sensiblen verständlich zu machen.

Den Begriff Hochsensibilität gibt es wirklich und er ist sehr ernst zu nehmen. Es ist keine Krankheit, sondern eine Veranlagung, die neuronal bedingt ist. Nur, wenn du dich mit dem Begriff auseinandersetzt, dich beliest und hinterfragst, wirst du die Betroffenen (deine Mitmenschen) besser verstehen und deinen Horizont erweitern können.

All die oben beschriebenen Gefühle können auftauchen, müssen aber nicht. Es kommt auch sehr darauf an, wie geerdet ein hochsensibler Mensch ist, in welchem Umfeld er aufwächst, wie viel Verständnis ihm seitens der Familie entgegengebracht wird und natürlich auf den jeweiligen Charakterzug. Manche finden einfacher Strategien sich in einer wenig sensiblen Welt zurechtzufinden, als andere. Im Prinzip fallen hochsensible Menschen eher weniger in der Gesellschaft auf, weil sie meist introvertiert sind und sich eher zurückziehen und dann, wenn sie sich unverstanden fühlen, oft im Stillen leiden oder aber auch genießen (!), wenn sie etwas schönes erlebt haben. Wenn sie auffallen, dann schnell negativ, weil sie ihre Gefühle nicht unter Kontrolle haben und ihre Reaktion in den Augen anderer übertrieben wirkt. Da hochsensible Menschen mehr Reize aufnehmen, sind sie auch schneller überreizt. Den Zustand der Überreiztheit erreicht jeder Mensch ab einem gewissen Zeitpunkt. Jeder Mensch kommt irgendwann an seine Grenzen. Bei Hochsensiblen passiert das aber sehr viel früher, weil sie mehr Reize aus ihrer Umwelt wahrnehmen (vergleichbar mit einem durchlässigen Filter). Da sie sich an dem messen, was in unserer Gesellschaft als „normal“ gilt, überfordern sie sich damit leicht und überschreiten ihre Grenzen öfter, als ihnen gut tut. Dies geschieht jedoch meist unbewusst, da sie ja nicht gelernt haben, auf ihre Grenzen zu achten, sondern sich nach den anderen zu richten (haben). Wenn man nun dauerhaft dem Stress der Überreizung ausgesetzt ist, kann man sich vielleicht vorstellen, dass das zu verschiedenen Verhaltensmustern führt, die unter den Hochsensiblen so unterschiedlich sein können, wie die Personen in ihrer Wesensart. Es sei noch erwähnt, dass, wenn ein Mensch von seiner Hochsensibilität erfährt, er zukünftig lernen kann, damit besser umzugehen und auch die positiven Eigenschaften, die diese Veranlagung mit sich bringen kann, entdeckt, weil er seine Andersartigkeit eben besser einordnen kann und es nicht mehr als Spinnerei abtut (wie ihm ja oft weis gemacht wird). Er lernt sich neu zu fokussieren. Das erfordert natürlich Übung.

Achtsamkeit ist das Stichwort für ein verständnisvolleres und harmonisches Miteinander. :-)

A.W.

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